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Walküre und Zentauren

Künstlerbund Heilbronn, 12.05.2024

Von Isolde Nagel, Freundin, Begleiterin und Kuratorin einiger Ausstellungen von Marcus Golter

 

Ich kann Ihnen ein bisschen über das was ich sehe und erlebe im Atelier von Marcus erzählen und darüber hinaus den roten Faden – das Labyrinth erst erfindet den roten Faden – seines künstlerischen Schaffens aufzeigen.

Heute geht es um das Betrachten und „in den Dialog treten“.

Damit sind wir gleich mitten im Thema, in der Welt der Antike, ihrer Schönheit und Zeitlosigkeit, ihrer Themenfelder wie Transformation, Macht, Ausgrenzung, Krieg und Vorhersehung, die Sie alle in den Arbeiten wiederfinden werden und wovon sie hier nur einen kleinen Ausschnitt aus zwei Jahrzehnten Schaffensperiode zu sehen bekommen.

In den Dialog treten… Sie können sich bewegen…

– inmitten all dieser herrlichen, künstlerischen Kreaturen, Kreatur im Sinne von creare „schaffen, erschaffen, Geschöpf“ , Kreatur nicht wertend gemeint, sondern Wesen bezeichnend, von Menschenhand, von Künstlerhand geschaffen; 

– inmitten von Skulpturen, die auf etwas hinweisen, das vielleicht irgendwann existiert hat, oder noch da sein wird, bevor und nachdem wir Menschen längst vergangen sein werden, so jedenfalls denke ich, wäre es auch im Sinne des Künstlers.

Marcus Golter weiß viel über die Geschichte der Menschheit, berufsbedingt viel über die Antike, den Einfluss klassisch griechischer und römischer Mythologie auf die Kunst und Skulptur bis heute. Angeblich stehen wir heute, gerade an einem Punkt, wo uns von allen Seiten eher Stillstand prognostiziert oder die Angst vor der Zukunft suggeriert wird; wo sich die Gesellschaft Rückzugsorte schafft ins Private oder ins Alt-Bewährte und wo alles, was nicht laut und hip erscheint, als altbacken und ewiggestrig eingeordnet wird.

In der Tat könnte man auch hier leicht in diese Falle laufen, wenn man die klassische Themenwelt von Marcus Golter nur flüchtig betritt mit ihren stark figürlichen Geschöpfen und den gelehnten Titeln Kassandra, Amok, Engel, Assasin, Walküre und Zentauren begegnet.

Marcus Golter (*1966) hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt mit handwerklicher Ausbildung zum Steinmetz und Studium (als Meisterschüler) der Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle /Saale, die zur Wendezeit für ihre figürliche klassische Ausrichtung in der Bildhauerei bekannt war, tut er nicht so als ob, sondern weiß was er tut – sprich – er beherrscht Bildhauerei in vielen Materialien. Seine bevorzugten Werkstoffe sind Bronze, Eisen, Aluminium und Gussbeton, den er auch malerisch behandelt. Er wählt seine künstlerische Formensprache bewusst, verortet sie in der erklärten Tradition figürlicher Bildhauerei und verankert/verhakt/vernetzt sie gleichzeitig mit einem Augenzwinkern, mit Ironie oder manchmal Spott in die heutige Zeit und interpretiert sie respektvoll neu.

Ein Beispiel: 

Die Walküre aus Marmor im klassisch griechischen Profil trägt ein Haarschmuck aus metallenen Stacheln, die an Punk & Co, an rebellische und unangepasste Jugendkultur (angelehnt an die Haartracht der Irokesen 200-300 Jahre vor Christus) erinnert. Symbole der Jugendkultur wie Piercing, Tattoo, Braids, Cutting& Branding, Ketten, Fetisch finden sich auch bei anderen Skulpturen.

Oder: Die Kuroi, die im Gleichmaß und mit Gerät als Köpfe und in Händen schreiten.

Vorbilder sind die aus dem zwischen 600 und 400 v. Chr. in Griechenland entstandenen stehenden, leicht im Schritt begriffenen männlichen Figuren, die als höchster Maßstab für Harmonie, Proportion, Spannung im Körper, Schönheit und Autonomie stehen. Man sagt, in seiner Entstehungszeit habe man den Kuros als Gott Apollon betrachtet, aufrecht und schön, der Gott des Lichtes. Er wurde auch als der Gott der Weissagungen, der Vorsehung des Orakels gesehen.

Marcus Golters Kuroi aus Gusseisen schreiten auf uns zu, beherrscht und auf Mission? Welcher Mission? Was bewegen sie in Ihnen?

Rainer Maria Rilke hat 1908 in Paris das bekannte Gedicht über das versunkene Betrachten eines Torso des Apollo geschrieben. Zu der Zeit war er auch Sekretär des Bildhauers Rodin und vermutlich hat er den Apollo im Louvre gesehen. Heute wird das Gedicht als komplexe Epiphanie gelesen, „die wachsende Macht des Lichts, die von dem Stein ausgeht als Methapher der Wahrheit gedeutet“.

Hören Sie selbst: (Zitat Rilke) „Wir kannten nicht sei unerhörtes Haupt, darin die Augäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, sich hält und glänzt.“

Auch die jüngst entstandene Arbeit von Marcus Golter verbindet wieder die Antike mit dem Aktuellen.

Zentauren, Mischwesen der griechischen Mythologie aus Pferd und Mensch bilden einen Fries, wie wir ihn aus der antiken Tempelarchitektur kennen. Der berühmte Parthenonfries der Akropolis, seit 200 Jahre tobt ein Rückgabestreit, legal erworben oder gestohlen? Um Anspruch, Eroberung, Restitution geht es auch oft in Kriegen, wie in den aktuellen Auseinandersetzungen in der Ukraine oder in Gaza. 

Die Zentauren haben auffällige Körperverzierungen, Echsenpanzer, sehen zerfetzt aus; es sind Torsi, Science-fiction-Cyborgs aus Mensch und Kriegsgerät… je nach Blickwinkel sehen wir Kriegshelden oder Kriegsopfer. Sie reiten über Köpfe, Körperteile, sind verwandelte Hybridwesen, tragen die Erinnerungen ihrer Vorfahren in sich, künden Großes an, Gefährliches, aber auch Rätselhaftes. Eine visionäre Figuration.

Es geht wie im Gedicht von Rilke um das Betrachten und den Dialog.

Auch die vielen anderen Arbeiten von Marcus Golter im öffentlichen Raum, die Brunnenskulpturen, Wasserspeier und Fassadenreliefs wollen uns zur intensiven Betrachtung einladen. Über 20 Jahre – hier als Fotos an den Wänden – hat Marcus Golter die Bogenreliefs am Stadtgottesacker in Halle restauriert und neuinterpretiert. Dafür gewann er zahlreiche Preise und ein Besuch, ein betrachtender Spaziergang durch die Anlage lohnt absolut. 

 

In Dialog treten können Sie hier unmittelbar mit all diesen interessanten Skulpturen.

In Dialog treten… die Grundfrage des Dialogs über das Tun des jeweils anderen bringt das Wissen des Dialogpartners an die Oberfläche. Es entwickeln sich neue Möglichkeiten. Denken Sie an den leichten und sich gegenseitig inspirierenden schnellen Wortwechsel, das sachliche Gespräch oder die tiefschürfende intime Unterredung. Der stumme Dialog ist das Betrachten so wie es Rilke zum Ausdruck bringt:

Zitat Rilke: „und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.“ 

Dialogfähigkeit oder Vereinsamung sind Grundgegebenheiten menschlichen Lebens. 

Manchmal ist es nur eine kleine Zeitungsnotiz, die Marcus Golter aufhorchen lässt und wo die Sorge um die Zukunft der Menschheit zu einem Zyklus anregt.

Marcus Golter will niemand belehren, sondern uns anregen, das Ganze nochmals von einer anderen Seite zu betrachten. 

Die menschliche Figur ist immer die schönste und größte Herausforderung. 

 

Sind Sie schon einmal Modell für ein Porträt gesessen? Es ist ein einmaliges Erlebnis, genau beobachtet zu werden und dem Künstler beim Entstehen des eigenen Kopfes zuzusehen. 

Ein Porträt unterliegt nicht dem Anspruch einer wahrheitsgemäßen Darstellung und es darf verzerren oder überspitzen. Es bindet Momente des Dialogs aus verschiedenen Perspektiven ein: die Gespräche, das gegenseitige Kennenlernen, die Tagesform, die physischen und psychischen Befindlichkeiten und das aktuelle allgemeine Weltgeschehen. Eine scharfe Beobachtungsgabe und im wörtlichen Sinne viel Fingerspitzengefühl vorausgesetzt, zeigt ein gelungenes Porträt die Persönlichkeit authentisch und mehrdimensional. 

Der Künstler versucht empathisch sich seinem Gegenüber anzunähern, dem Wesen eines Menschen möglichst nahe zu kommen, versteckte Details und Bildbotschaften inbegriffen. 

Und weil ein Dialog mehr Spaß macht als ein Monologisieren, schließe ich nun mit dem Gedicht von Rainer Maria Rilke wenn Sie erlauben, in ganzer Länge mit dem Hinweis an uns auf persönliche Entwicklung, auf Verwandlung, auf ein noch nicht verwirklichtes Potential, das wir in erfüllten Momenten unseres Lebens jäh erkennen können, eben beim versunkenen Betrachten.

Ich wünsche Ihnen hier vieler solcher Momente, lassen Sie sich bewegen und nutzen Sie den Dialog, mit der Kunst, untereinander und heute exklusiv mit ihrem Schöpfer, dem Bildhauer Marcus Golter.

 

Rainer Maria Rilke 

Archaischer Torso Apollos

 

Wir kannten nicht sei unerhörtes Haupt,

darin die Augäpfel reiften. Aber

sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, 

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

 

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug 

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen 

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen 

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

 

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz 

der Schultern durchsichtigem Sturz 

und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; 

 

und bräche nicht aus allen seinen Rändern 

aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, 

die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.

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