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Money, Mündigkeit und ein bisschen Mimimi: Über die Werte der gegenwärtigen Kunstwelt

von Rosa Makstadt

 

Bei der Frage nach dem Wert von etwas denkt man an den Preis. Der finanzielle Wert ist folgerichtig auf ökonomischer Ebene von großer Bedeutung. Je höher dieser ist, desto besser. Denn auch die Kunstwelt integriert sich in die Warenwelt. Dessen immanente Warenlogik bedingt, dass jeder Gegenstand austauschbar ist und sich an seinem Geldpreis definiert, und Inhalt zweitrangig wird[1]. Ein Wert der Kunst unter diesem Paradigma ist der kommerzielle Erfolg. Er ist erreichbar durch durchdachtes Marketing, Kollaborationen mit kunstfremden Akteuren, die gezielte Produktherstellung für eine bestimmte Klientel: privilegiert, reich genug und in hohen Posten. Zudem bedient man sich leicht zugänglicher Ästhetik und Thematiken und viel Werbung, um wettbewerbsfähig zu sein. Kunstprodukte werden angepasst an Trends und Geschmack der Zielkunden. Das künstlerische Produkt bekommt einen Preiswert auf dem freien Markt. Der Künstler fühlt sich nicht vereinnahmt oder ausgebeutet, sondern verfügt über die Mittel des Marktes als bewusst handelnder Geschäftsmann, um seine Kunst zu machen, zu zeigen und zu verkaufen, der, wie ein Designer oder Industrieproduzent, keine den Marktwerten übergeordnete Reflexion ausüben muss. Ein gutes Beispiel für einen Künstler dieser Wertewelt ist Jeff Koons, der kürzlich mit Louis Vuitton eine gemeinsame Taschenkollektion bewarb. 

 

Will man das oben Beschriebene nicht wahrhaben und sich der Ökonomie nicht beugen, muss man als Kunstschaffender konsequent Gesellschaftskritik üben, um die Tatsache zu erklären, dass sich Kunstwerke von anderen Produkten unterscheiden und Kunst nicht am finanziellen Wert gemessen werden kann. Die weitere Sichtweise auf die Frage nach dem Wert ist demnach Folgende: Wenn der Wert sich nicht an Verkauf und Preis messen soll, bekommt er einen politisch motivierten, gesellschaftskritischen und sozial arbeitenden Aspekt. Man instrumentalisiert das Geschehen, das man hauptsächlich aus den Medien kennt, für Kunstzwecke. Ai Wei Wei, der selbst wegen seines politischen und gesellschaftlichen Engagements in China zwischen 2009 und 2011 Repressalien und Gefängnishaft ausgesetzt war, zählt mit seine jüngsten Installationen und Fotos rund um die Flüchtlingsthematik zu den aufrechten Vertretern dieser Gattung. Auch den meisten Kuratoren ist eine gesellschaftspolitische Dimension wichtig, am besten mit temporären Performances und Projekten mit Randgruppenbeteiligung. Der Künstler kann in der politischen Bewegung mitmischen, sich bei künstlerischen Events moralisierend und wohltätig beteiligen und sich die soziale Verpflichtung gegenüber Minderheiten und Unterdrückten als gesellschaftliche Verantwortung der Kunst auf die Fahne schreiben. 

 

Einerseits also Entertainment, Marktaffinität und Popkultur, andererseits politisch engagierter, moralpredigender Kunstaktivismus. Beide Positionen schließen sich aus und sind miteinander unvereinbar. Die Vertreter der Positionen lehnen sich gegenseitig ab, denn die Werte an denen sie ihre und andere Kunst messen sind grundlegend verschieden.

 

Trotz dieser Antinomie, die sich zurzeit innerhalb der Kunst vollzieht, spiegeln Magazine wie ART und monopol, Museen und Kunstakademien diese Entwicklung nicht wider. Sie handeln, auch wenn sie von der inneren Spaltung wissen, alle nach wie vor, als gäbe es diese Werte-Diskrepanz nicht und vereinen alle unter den Begriff Kunst. 

 

Die dritte Möglichkeit für alle anderen, die sich weder für das eine noch das andere bereitstellen wollen, ist die Einstellung: Die Kunst um der Kunst willen. Hier finden sich Anhänger einer Kunst, die aus sich selbst – für sich selbst steht und der oftmals in Isolation oder zumindest bewusst außerhalb des Kunstbetriebs nachgegangen wird. Das authentisch geführte Leben durch das Erschaffen von Kunst ist der höchste Wert eines solchen Künstlers. Man ist Künstler, weil man nicht anders kann, und das Kunstmachen Berufung ist. Die Kunst soll keinen anderen Zwecken dienen. Im Hinblick auf dieses Autonomiestreben wird der Kunst eine von allem anderen unabhängige, von sich aus Werte und Normen liefernde Instanz unterstellt oder sie soll sogar wie im Sinne Jonathan Meeses eine Dominanz über das Leben aller erringen als Ersatz für die derzeit herrschenden Ethiken der Politik und des Marktes, die wiederum die Kunst lediglich instrumentalisieren und aus deren Zwängen sich die Kunst befreien soll.

 

Neben weiteren möglichen Künstlerparadigmen sind gegenwärtig vor allem diese drei Positionen anzutreffen. Ein Kunstwerk wird nach diesen drei Wertesystemen völlig unterschiedlich beurteilt. Ob es überhaupt darum gehen soll sich gegenseitig zu beurteilen ist fraglich. Denn in die Quere kommen sich die Vertreter selten. Ein Streit entbrennt dann, wenn die unterschiedlichen Positionen die jeweilige Begriffsdefinition und die daraus resultierenden Werteimplikationen für allgemein geltend beanspruchen wollen und keine begriffliche Abgrenzung vollzogen wird. Der Mechanismus der kognitiven Dissonanz tritt ein. Denn wenn jemand von einem bestimmten wertebehafteten Denken überzeugt ist, ist er nicht fähig, objektive, auf Tatsachen beruhende Informationen wahrzunehmen, die dem eigenen Denken widersprechen. Dementsprechend sollte Künstlern die Vereinnahmung durch die eigene Kunstrezeption bewusst sein, gleich welche Geisteshaltung sie repräsentieren. Selbst wenn eine Durchmischung der drei Gesinnungen für einen selbst möglich scheint, ist die ausschlaggebende Tendenz in Richtung einer bestimmten Position oder eine Hierarchisierung dennoch immer klar. Die Akteure der unterschiedlichen Kunstideologien beantworten die Frage nach dem Wert ihrer und anderer Leute Kunst sehr verschieden. Die erstrebten Ziele und Zustände werden also völlig unterschiedlich sein, die Antwort auf „Was ist deine Kunst wert?“ ebenso.

 

[1] vgl. Karl Marx, Das Kapital, Kap. 1, Ware und Geld

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Kommentare: 1
  • #1

    Test (Samstag, 13 November 2021 13:45)

    Das ist ein Test. Weiter so!

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